Schlägt jetzt die Stunde der Old Economy?

Joachim Brandmaier

Bringt das zweite Halbjahr einen Stimmungsumschwung an der Börse? Weg von den KI- und Chip-Überfliegern hin zu vernachlässigten Branchen wie Konsum und Gesundheit? Ein paar Anzeichen gab es zuletzt – und ich hätte ehrlich gesagt nichts dagegen, wenn die sogenannte „Old Economy“ endlich eine (verdiente) Aufholjagd starten würde.

Die meisten konservativ ausgerichteten Langfristanleger vermutlich auch nicht. Denn die überschwängliche Stimmung rund um das Thema künstliche Intelligenz hat in den letzten Monaten zwar vielen Titeln weiter Rückenwind beschert – man denke nur an Namen wie Samsung, ASML, Cisco oder Amphenol –, auf der anderen Seite wurden aber auch reihenweise Aktien aus traditionellen Wachstumsbranchen wie Konsum und Gesundheit links liegen gelassen oder sogar regelrecht abgestraft. Aktionäre von Nestlé, Starbucks, General Mills oder Novo Nordisk können ein Lied davon singen.

Der Frust bei ihnen sitzt entsprechend tief. Ringsum hört und liest man von phänomenalen Gewinnen mit KI-Aktien und im Vergleich dazu hinkt das eigene Depot trotz lehrbuchmäßiger Branchenmischung hinterher. Ich fühle mich da in letzter Zeit immer mehr an die Internet- und Neuer-Markt-Euphorie um das Jahr 2000 erinnert. Damals bekamen wir ständig zu hören: „Ihr mit euren langweiligen Old-Economy-Aktien! Warum soll ich mir Procter & Gamble oder Coca-Cola ins Depot legen? Mit Aktien wie AOL, Mobilcom und EM.TV wird das große Geld verdient!“ Dass diese Denke nicht gut ausging, wissen zumindest all jene, die damals schon dabei waren. Wohl dem, der seinerzeit den vermeintlich altmodischen und langweiligen Konsum- und Gesundheitsaktien treu geblieben ist!

Ich bin überzeugt davon, dass sich eine ausgeglichene Branchenmischung auch dieses Mal auszahlen wird. Wann der Stimmungswandel an der Börse einsetzt, kann niemand exakt vorhersagen. Manches deutet im KI-Sektor auf Übertreibungen hin, manches nicht. Aber je mehr Anleger auf eine einzelne Technologie wetten, desto größer wird die Absturzgefahr – auch weil inzwischen sogar wieder massiv auf Kredit spekuliert wird.

Am Ende geht es so lange gut, bis es eben nicht mehr gut geht. Und dann ist man heilfroh, wenn man nicht nur auf eine Branche gesetzt hat!

Newsletter vom 22. Juli 2026

Joachim Brandmaier – Börsenpraktiker
Stuttgarter Aktienbrief „Börse Aktuell“

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