Märkte im Aufwind trotz Krieg – wie kann das sein?

Dr. Martin Moryson

Die Aktienmärkte haben in diesem Jahr kräftig zugelegt: der S&P 500 um über zehn Prozent, der europäische Stoxx 600 um immerhin rund fünf Prozent und der japanische Nikkei um über 30 Prozent. Ein wesentlicher Treiber sind die hohen Investitionen in künstliche Intelligenz. Gleichwohl stellt sich die Frage, warum der Krieg im Iran die globale Wirtschaft nicht in eine Rezession und damit die Aktienmärkte auf Talfahrt geschickt hat.

Offensichtlich kommt die Wirtschaft deutlich besser mit der Situation zurecht, als man das vor Beginn des Kriegs vermutet hätte. Wie immer gilt, dass man die Anpassungsfähigkeit der Menschen, der Unternehmen und damit der Wirtschaft nicht unterschätzen sollte. Es gibt verschiedene Berechnungen, wieviel Öl nun tatsächlich „fehlt“, also wegen der Sperrung der Straße von Hormus nicht seinen Weg zum Verbraucher findet. Ursprünglich gingen mal rund 20 Prozent des globalen Verbrauchs von rund 100 Millionen Barrel pro Tag durch die Meerenge.

Ein nicht unerheblicher Teil dieser Menge kommt nun über andere Routen auf die Weltmärkte, beispielsweise über die East-West-Pipeline in Saudi-Arabien, die rund sieben Millionen Barrel pro Tag transportieren kann oder über die irakische Pipeline Richtung Türkei, mit rund einer Million Barrel pro Tag. Alle Produzenten fahren ihre Produktion so weit wie möglich hoch, selbst Venezuela produziert wieder über eine Million Barrel pro Tag.

Wie viele es genau sind, weiß man nicht, aber interessanterweise verlassen seit Beginn des Kriegs rund vier Tanker pro Tag die Straße Richtung offenes Meer. Bedenkt man, dass große Tanker bis zu zwei Millionen Barrel transportieren können, bekommt man langsam ein Gefühl dafür, warum die Weltwirtschaft sich als so resilient erweist. Die Freigabe der strategischen Ölreserven durch die OECD-Länder in der Größenordnung von rund vier Millionen Barrel pro Tag tun ihr Übriges.

Was bedeutet das für den Anleger? Zugegeben, es sind vor allem die Tech-Werte, die die Kurse treiben. Aber dass sich der Rest der Wirtschaft nicht in einer Rezession befindet, ist eine notwendige Voraussetzung für den Aufschwung gewesen. Soll sich die positive Entwicklung an den Aktienmärkten fortsetzen, müssen zwei Dinge weiterhin gelten: Die Tech-Konzerne müssen weiterhin ihre Gewinne liefern und die restliche Wirtschaft muss ihre Resilienz erhalten. Fällt eine der beiden Voraussetzungen weg, könnte es schwer werden für die Aktienmärkte.

Newsletter vom 03. Juni 2026

Dr. Martin Moryson – Chefvolkswirt Europa
DWS

Zum Newsletter anmelden