Die Geschichte der Niedersächsischen Börse zu Hannover geht zurück auf das Jahr 1785. Zwar ist noch bekannt eine Wechselordnung des Bürgermeisters der Stadt Hannover aus dem Jahre 1598, ferner wurden in der Mitte des 18. Jahrhunderts verschiedene Privatbankhäuser gegründet und schließlich gehen die Entwürfe für ein neues Wechselrecht zurück auf das Jahr 1774. Der Börsengedanke wurde jedoch erst konkretisiert, als sich am 29. August 1785 der noch heute existierende Börsenclub konstituierte. In der dazu gehörenden Urkunde heißt es, die Gründung des Clubs sei erfolgt "zu besserem Betrieb, Erleichterung und Erweiterung kaufmännischer Unternehmungen". Die Gründung des Clubs hatte aber auch eine ganz persönliche Komponente: Ein in Hannover hoch angesehener Kaufmann war in Konkurs geraten, und da er "mit einer Frau und zahlreichen Kindern belastet" war, rieten ihm seine Freunde, "einen Kaufmanns- oder Handelsclub anzulegen, und sich auf diese Weise ein ehrliches Einkommen zu verschaffen".
Dieser Börsenclub verfolgte gesellschaftliche und wirtschaftliche Zwecke, wobei zur Beurteilung zurückgegriffen werden kann auf eine Clubordnung vom 29. August 1785 und ein Reglement sowie eine Börsenordnung. Darin heißt es u. a., daß zweimal wöchentlich Börse gehalten werde: Von Ostern bis Michaelis montags und freitags, von Michaelis bis Ostern dienstags und freitags von 11.00 bis 12.00 Uhr. Von einer Festlegung der gültigen Münzsorten und der Zahlungsfristen war zunächst abgesehen worden; bald jedoch wurden ergänzende Bestimmungen über Zahlungsbedingungen, Rücktritt vom Kauf oder Verkauf, Maklergebühren, Versteigerung oder öffentliche Bekanntmachung eines "Falliten" angefügt. Zu der Tätigkeit der Kursmakler z. B. heißt es am 26. November 1786: " Von allen Negocen, die von Makler zustande gebracht werden, wird denselben 1 % Courtage zu gleichen Teilen vom Käufer und Verkäufer bezahlt, bei Wechselgeschäften aber nur 1 Promille. Aus dem Kreis der Mitglieder des Clubs kamen darüber hinaus praktische Vorschläge für das Zusammenwirken der Kaufleute untereinander, welche für die damalige Zeit kennzeichnend waren: Zum einen wurde die Errichtung einer "Kaufmännischen Bibliothek" vorgeschlagen, zum anderen wurden Vorkehrungen angeregt, um bei Brandschäden helfen zu können. - Bei dieser ersten Börse, der "Handlungsbörse" standen ohne Frage Warengeschäfte (etwa in Reis, Zucker etc.) im Vordergrund, Abschlüsse in Geld- und Wertpapiergeschäften traten demgegenüber etwas zurück. Die eigentliche Anerkennung erfuhr der private Börsenverein aber erst, als er auf seinen Antrag bei der Regierung am 29. Oktober 1787 durch Georg III., König von Großbritannien, Frankreich und Irland, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg, Kurfürst von Hannover, die landesherrliche Bestätigung und Anerkennung als "öffentliches Institut" erhielt. Seit 1714 trugen nämlich die hannoverschen Landesherren die englische Krone. Allein dieses landesherrliche Dekret vermochte jedoch nicht, der Börse in Hannover besondere Impulse zu vermitteln. Die politischen Umstände waren für Hannover ausgangs des 18. Jahrhunderts nicht besonders günstig. Man vertraute auf die Anlehnung an Großbritannien, bis 1803 das Land Tauschobjekt in der großen Politik wurde, wirtschaftlich gesehen war Niedersachsen ein Agrarstaat, der auch aus seiner Küstennähe keinen stärkeren Impuls erhielt. Auch zu Beginn des 19. Jahrhunderts, während der Zeit der napoleonischen Intervention in Norddeutschland und der Kontinentalsperre, gerieten Handel und Gewerbe auch in Hannover unter starken Druck.
Für das Wirtschaftsleben Hannovers kamen in dieser Zeit aus der Börse verschiedene Anregungen. So wurde am 14. Februar 1801 ein Handelsgericht errichtet, dessen 8 Mitglieder aus der Börse gewählt wurden. Nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft, während derer man insbesondere unter den Finanzansprüchen von Napoleons Bruder Jeróme, König von Westfalen, zu leiden hatte, und den Befreiungskriegen setzte allmählich eine Konsolidierung der Verhältnisse ein. 1815 wurde ein Haus in guter Geschäftslage Hannovers erworben und mit einem Aufwand von 16.000 Talern in ein Börsenhaus umgebaut, in dessen Börsensaal sich der Betrieb nach einer am 24. Oktober 1815 genehmigten neuen Börsenordnung vollzog. Dabei wurden neben Geld und Wechseln auch Staatsanleihen und Obligationen ritterschaftliche Kreditinstitute gehandelt. In diesem Zusammenhang ist hinzuweisen auf das 1791 gegründete Ritterschaftliche Kreditinstitut für die Ritterschaft des Fürstentums Lüneburg oder den 1825 gegründeten Calenberg-Göttingen - Grubenhagen - Hildesheimschen Ritterschaftlichen Kreditverein oder das 1826 Ritterschaftliche Kredit-Institut für die Herzogtümer Bremen und Verden und das Land Hadeln. Nach dem hannoverschen Adreßbuch von 1820 gab es zu dieser Zeit 15 Wechselfirmen, 1822 nur noch 10, 1835 aber wieder 22 und 1845 sogar 24.
Rivalisierenden Organisationsvorschlägen von Magistrat, königlicher Landdrostei Hannover und königlichem Staatsministerium fiel dann im Juni 1845 der damalige Träger der Börse, die Börsendirektion zum Opfer. Der Börsenverein wurde zu einem allgemeinen Handelsverein erweitert, der für die nächsten zwei Jahrzehnte das Schicksal der Börse bestimmte. Zu diesem Verein gehörten alle Großhändler, Weinhändler, Bankiers, Buchhändler, Spediteure und größeren Fabrikanten der Stadt Hannover, der Vorstädte und des Dorfes Linden. 1847 wurde eine neue Maklerordnung aufgestellt und vom Magistrat der Königlichen Regierungsstadt Hannover genehmigt. Die Geschäfte der Makler bestanden in der übernahme von Aufträgen zum Ein- und Verkauf für alle Waren, wobei Geld- und Wechselangelegenheiten ausdrücklich erwähnt waren. Aber es verging noch ein Dutzend Jahre, bis in Hannover 1858 der erste Kurszettel, vom Makler Dorguth herausgegeben, erschien. Obwohl nach der Gründung des Handelsvereins das allgemeine Ausmaß des Waren- und Wechselverkehrs wuchs, sich aus den Wechselgeschäften Bankgeschäfte im modernen Sinn zu entwickeln begannen und das öffentliche Interesse für Industrieobligationen und ritterschaftliche Anleihen erwachte, konnte sich die vom Handelsverein betriebene Börse die börsenmäßige Erfassung dieser Entwicklung organisatorisch nicht zunutze machen, ja die Benutzung der Börse bei Abschluß von Geschäften war so gering, daß die Einnahmen nicht mehr zum Unterhalt des Börsenhauses ausreichten. Hinzu kam, daß aus den im Handelsverei zusammengeschlossenen Kaufleuten eine gerade für den damaligen Stand der Wirtschaft besonders wichtige Gruppe, die der Getreide- und Produktenhändler, ausscherte und 1863 eine eigene Getreidebörse gründete. die freilich auch im Börsengebäude Osterstraße 15, und zwar dienstags und donnerstags, tagte. Bedeutsame politische Ereignisse gerade für Hannover - 1866 verlor es seine Eigenstaatlichkeit und wurde preußisch - brachten dann mit der 1867 erfolgenden Errichtung einer Handelskammer in Hannover nach dem preußischen Vorbilde von Berlin und Köln die Auflösung des Handelsvereins, des Trägers der Börse, dessen Vermögen, insbesondere das Börsengebäude, auf die Handelsinnung, eine bloße Standesvertretung des Handels, überging.
Das geschah in einem Augenblick, als gerade das Bankgewerbe in Hannover steigende Bedeutung gewann. Am 22. Juli 1856 war durch königliche Verordnung die Genehmigung zur Errichtung einer Notenbank in Form einer Aktiengesellschaft erteilt worden, die den Namen "Hannoversche Bank" erhielt. Andere bereits bestehende Institute entwickelten sich aus "Wechselfirmen" zu echten Bankhäusern, so daß 1867 schon 24 Bankfirmen bestanden, die sich bei den Gründungen bedeutender, damals im hannoverschen Raum entstehender Unternehmungen beteiligten, so bei der 1853 gegründeten Hannoverschen Baumwollspinnerei und -weberei die Bankhäuser Adolph Meyer und Leffmann & Abraham Herz Cohen oder bei der 1857 gegründeten Aktien-Zuckerfabrik Neuwerk das Bankhaus Ephraim Meyer & Sohn, bei dem 1867 gegründeten Eisenwerk zu Salzgitter wiederum das Bankhaus Adolph Meyer.
Mit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann die große Zeit des Eisenbahnbaues, für den - wie für alles dazu benötigte Material - Kapital in bisher nicht gekanntem Umfange aufgebracht werden mußte, das durch Ausgabe von Aktien, Hypothek-Obligationen und Schuldverschreibungen zu beschaffen war. Die Städte wuchsen und damit das umfangreiche Bedürfnis für die Beschaffung von Geldern für Wohnhäuser, das die 1872 gegründete Braunschweig-Hannoversche Hypothekenbank zu befriedigen suchte. Gleichwohl weiß die hannoversche Börsengeschichte zu berichten, daß in den zwei Jahrzehnten von 1850 bis 1870 bei den festverzinslichen Anlagepapieren ausländische stark im Vordergrund standen und erst nach 1870 deutsche Stadtanleihen und Hypothekenpfandbriefe bei anlagesuchenden Geldgebern Unterkunft fanden.
Im Jahre 1869 verzeichnete das Kursblatt außer Industrieobligationen und sonstigen Anleihen 9 Aktien, die Zahl der letzteren wuchs bis 1872 auf 29. Naturgemäß ging der große Zusammenbruch des Gründungsrummels auch am hannoverschen Wertpapierhandel nicht spurlos vorüber und, wie der Chronist zu berichten weiß, kam es in Hannover erst Ende der siebziger Jahre wieder zu einem ausgedehnten und regelmäßigen Geschäftsverkehr in Wertpapieren, wobei sich Hannover damals dank geschickter und aktiver Bankhäuser, wie M. J. Frensdorff, Ezechiel Simon und später Ephraim Meyer & Sohn, zu einem nicht unbedeutenden Absatzgebiet für ausländische Wertpapiere entwickelte, wie für schwedische Reichshypotheken-Bank-Pfandbriefe und Estländische ritterschaftliche Credit-Obligationen, beides Emissionen, die zu amtlicher Notierung nach Hannover gelangten. Der Umfang der damaligen Geschäftsabschlüsse soll so bedeutend gewesen sein, daß er in späteren Jahren kaum wieder erreicht worden ist. Und dieser ganze Handel vollzog sich, ohne börsenmäßig organisiert zu sein. Man kam nicht zu bestimmter Zeit an bestimmten Ort in einem bestimmten Personenkreis zusammen, sondern Makler gingen von Bank zu Bank, sammelten Aufträge und brachten solche zur Ausführung. Die aus solchen Geschäften sich ergebenden Kurse wurden mehrmals in der Woche veröffentlicht. Die bei solchem Handel entstehende Unsicherheit veranlaßte endlich Anfang Dezember 1882 die Masse der hannoverschen Bankfirmen, eine Kommission zur Ausarbeitung von Platzusancen zu wählen. Das war die Geburtsstunde der "Sachverständigen-Kommission", die für die nächsten zwei Jahrzehnte ihre besondere Bedeutung für das hannoversche Börsenwesen bekommen sollte. Die Zeit des turbulenten Durcheinanders im hannoverschen Effektenhandel wurde durch die unterschriftliche Verpflichtung aller am Effektenhandel beteiligten hannoverschen Banken und Bankiers zur Befolgung der "Allgemeinen Usancen beim Effektenhandel in Hannover" abgeschlossen. Gleichwohl weiß der Chronist zu berichten, daß ein wirklich geschlossener Effektenhandel, nicht zuletzt wohl aus doch wieder trägem Festhalten an den alten Gewohnheiten, nicht zustande kam, ja daß der Wunsch für ein mehrmaliges wöchentliches Zusammenkommen aller Bankiers keine Resonanz fand "aus Furcht vor der Beschränkung der Selbständigkeit im Geschäftsgebaren". Die Sachverständigen-Kommission ließ sich gleichwohl nicht entmutigen. Sie suchte die gesamte hannoversche Industrie und Kaufmannschaft für den Gedanken eines Zusammenschlusses zur Hebung, Bildung und Erweiterung von Handel und Gewerbe zu erwärmen, und es gelang 1887, die "Kaufmännische Vereinigung" aus der Taufe zu heben, die es bis zur ersten Generalversammlung am 8. Mai 1888 auf 163 Mitglieder aus dem Kreise von Industrie, Banken und Handel brachte. Für die Vertretung ihrer Interessen bei der "Kaufmännischen Vereinigung" wählte die Vereinigung der Banken und Bankiers einen siebenköpfigen Börsenausschuß. Die Kaufmännische Vereinigung beschaffte ein eigenes Vereinslokal, das am 1. Februar 1889 im Hause Ständehausstraße Nr. 1 eröffnet wurde.
Der Versammlungsraum stand den Banken und Bankiers täglich von 11.30 bis 12.30 Uhr zur Verfügung. Diese waren es auch innerhalb der "Kaufmännischen Vereinigung", die nun eine Zeitlang am intensivsten von Versammlungsmöglichkeit und Versammlungsraum Gebrauch machten und auf Jahre als Gruppe der "Kaufmännischen Vereinigung" die Treue hielten. Auch nach dem Wiedernachlassen des regen Besuches der Börse durch die Bankiers und dem wiedererstandenen Verkehr "von Bank zu Bank" sicherte nach weitgehender Abwanderung von Industrie und Handel aus der "Kaufmännischen Vereinigung" die Bankiervereinigung den Fortbestand der vorgenannten Institution. Technische Schwierigkeiten hinderten in der Folgezeit ein Erstarken des mittäglichen Börsenverkehrs in der Ständehausstraße, bei dem Kursnotierungen in Effekten von den beeidigten Maklern mittags um 13 Uhr vorgenommen wurden. Im Kleinkrieg zwischen organisatorischen Neuerungsversuchen und Beharren in eigenwilligen Gewohnheiten blieb sogar ein 1892 unternommener Versuch hängen, alsbald in Hannover zur Verstärkung der Bedeutung des Wertpapierhandels eine amtliche Börse mit staatlich genehmigter Börsenordnung ins Leben zu rufen, obwohl mit dem Entwurf einer Börsenordnung und der Ausarbeitung der "Usancen beim Effektenhandel" alle Voraussetzungen dafür geschaffen waren. Die "Kaufmännische Vereinigung" äußerte sich 1896 - der Reichstag hatte eben das Börsengesetz verabschiedet - auf eine erneute Anfrage der Handelskammer negativ zu dem Projekt, wohl weil man wieder für seine Handelsfreiheit fürchtete. Damit hatte die "Kaufmännische Vereinigung" ihre letzte Lebensäußerung getan. Ihr Kern, die Bankiervereinigung, hielt aber weiter an dem Plan einer amtlichen Börse im Sinne des neuen Gesetzes fest und beschloß endlich am 27. Dezember 1899 einstimmig die Errichtung einer Börse, stärkstens unterstützt von der Handelskammer, die die schwerwiegende Tatsache vor sich sah, daß mit dem Inkrafttreten des neuen Handelsgesetzbuches und des Bürgerlichen Gesetzbuches die alte Einrichtung der "beeidigten Makler" nach dem alten Handelsgesetzbuch erlosch, die amtliche Kursnotiz beeidigter Fondsmakler ohne eine entsprechende amtliche Organisation also unzulässig wurde. Die seitherige Trägerin aller börsenmäßigen Funktionen, die Sachverständigen-Kommission, die als Zulassungsstelle und als Kontrollorgan des Kurszettels gewirkt hatte, arbeitete eine neue Börsenordnung aus, die am 3. Dezember 1900 vom Preußischen Handelsministerium genehmigt wurde und am I. Januar 1901 in Kraft trat. Am 2. Januar 1901 wurde die amtliche Börse in Anwesenheit des Regierungspräsidenten, der Regierungs-Kommissare, des Stadtoberhauptes und der Vertreter der 46 Börsenmitgliedsfirmen feierlich eröffnet. Alsbald wurden Usancen aufgestellt und mit dem Grundstock der alten Sachverständigen-Kommission eine Zulassungsstelle für Wertpapiere ins Leben gerufen. Zehn Jahre lang trugen die Mitgliedsfirmen in Form einer freien Vereinigung die neue Börse, bis durch einen am 29. Oktober 1910 unter dem Namen "Börse in Hannover" in das Vereinsregister eingetragenen Verein auch dem Börsenträger ein geschlossenes Organ in juristischer Persönlichkeit gegeben wurde. Allerdings sollte sich erweisen, daß alle diese tatkräftigen organisatorischen Maßnahmen zu spät kamen, um die hannoversche Börse sich noch zu einem vorrangigen Börsenplatz entwickeln zu lassen. Längst hatte Berlin zu seiner einzigartigen Vormachtstellung unter den deutschen Börsen angesetzt und absorbierte den größten Teil der Aktien - Neuzulassungen auch aus dem hannoverschen Raum. Der im Jahre 1908 unternommene Versuch, den Börsenhandel in Hannover durch offizielle Einführung des Terminhandels zu beleben, scheiterte.
Es sollte nur wenige Jahre dauern, bis mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges unter den anderen deutschen Börsen auch die hannoversche ihre Tore schließen musste, wenn auch der Börsenraum in dem 1907 in der Georgstraße bezogenen Friedrich-Wilhelm-Haus zu Besprechungen der ortsansässigen Börsenmitglieder geöffnet blieb. Erst am 7. Mai 1919 wurde der Börsenbetrieb wieder aufgenommen, nachdem die im Kriege ausgebauten technischen Einrichtung wieder geschaffen waren. Dann begannen die Jahre des Rausches der großen Zahlen mit einem hektischen Börsenbetrieb, der die Aufrechterhaltung eines geordneten Ablaufs schier unmöglich machte, bis die Einführung der Rentenmark dem Börsensaal eine erschreckende Leere bescherte. Erst allmählich setzte nach Verlust von Auslandsguthaben und Volksvermögen wieder eine Kapitalbildung ein, wandten sich die vorsichtig disponierenden Banken wieder dem Börsengeschäft zu, wenn auch der Verkehr an der hannoverschen Börse entscheidend durch die Tatsache beeinflußt blieb, daß die in den neunziger Jahren begonnene Abwanderung hannoverscher Werte an die Berliner Börse ihren Fortbestand hatte und die einzigartige Stellung dieser Börse im gesamten deutschen Börsenwesen auch die hannoversche Börse auf einen zweitrangigen Platz wies. Diese Entwicklung mag es auch mit sich gebracht haben, daß alle nach Etablierung der amtlichen Börse gehegten Pläne, eine eigenes Börsengebäude zu errichten - hierzu war das Grundstück Landschaftstraße 6 ausersehen - im Sande verliefen. Man zog vielmehr, als die Räume im Friedrich-Wilhelm-Haus nicht mehr ausreichten, als Mieter Anfang 1924 in das Haus der Calenberg-Göttingen-Grubenhagen-Hildesheimschen Landschaft am Rathenauplatz, ein in den Jahren 1846 bis 1949 im Tudorstil erbautes Haus, das heute noch die Räume der Börse beherbergt, wenn auch erst wieder nach zwischenzeitlicher, durch die Kriegsereignisse erzwungener Aussiedlung. Auch standen der Börse noch weitere einschneidende Erlebnisse bevor. Man denke nur an den allgemeinen Börsenkrach vom Juli 1931 beim Zusammenbruch der Danatbank.
Wohl konnte sich die hannoversche Börse dank geschickter Haltung hannoverscher Kaufleute und Bankherren über die Börsenreform vom Jahre 1934 hinwegretten, als die bis dahin bestehenden 22 deutschen Wertpapierbörsen auf 9 reduziert wurden. Durch Verordnung vom 28. September 1934 wurde Hannover als Börsenplatz für Niedersachsen anerkannt. Die Börse mußte sich aber im Zuge der Zeit eine völlige Reorganisation gefallen lassen. Die Trägerschaft übernahm, die Wertpapierbörse mit der seit 1863 bestehenden Getreidebörse zusammenschließend, die Industrie- und Handelskammer zu Hannover. Eine neue, am 6. August 1935 vom Reichs- und Preußischen Wirtschaftsminister genehmigte Börsenordnung war fortan das Grundgesetz der nunmehr "Niedersächsische Börse zu Hannover" benannten Institution. Das Kursblatt der Börse wies in diesem Jahre 124 festverzinsliche und 36 Aktienwerte aus, 85 Papiere waren in den geregelten Freiverkehr einbezogen. Das Börsenwesen war zu Beginn dieser Ära durch eine starke Umschichtung unter den hannoverschen Bankiers und Banken durch Ausscheiden aller jüdischen Mitglieder gekennzeichnet. Trotz der wenig liebevollen Behandlung des gesamten Börsenwesens durch den neuen Staat - während auf allen Lebensgebieten doch geradezu eine Gesetzgebungslawine der Neuordnung auf dem bequemen Verordnungswege nach Ausschaltung der parlamentarischen Gesetzgebung einsetzte, blieb das Gebiet des Börsenwesens als uninteressant fast völlig unbeachtet, so daß heute noch das Börsengesetz vom 22. Juni 1896 mit ganz geringfügigen Änderungen gilt - wußte die hannoversche Börse auch unter neuer Leitung ihren Platz zu behaupten, zumal der Beginn des Zweiten Weltkrieges die Börsen nicht zur Schließung ihrer Säle zwang wie einst der Kriegsausbruch von 1914. Freilich führte die Niedersächsische Börse gleich den anderen deutschen Börsen nach Ausrufung des "totalen Krieges" nur noch ein Schattendasein. Zudem verlor die Börse noch ihr fast zwei Jahrzehnte bewohntes Heim und mit ihm ihr gesamtes Archiv mit allen Erinnerungen an eine über hundertjährige Vergangenheit, als das Haus der Landschaft am 9. Oktober 1943 den Flammen einer der schwersten hannoverschen Bombennächte zum Opfer fiel. Gastliche Aufnahme fand sie dann bei einem der ältesten hannoverschen Bankinstitute, der Braunschweig-Hannoverschen Hypothekenbank, die ihren Bankpalast in der Landschaftstraße 8 über den Krieg hinwegretten konnte. Mit der Rolle der Niedersächsischen Börse zu Hannover schien es dann endgültig aus zu sein, als mit dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches und dem Einmarsch der amerikanischen Truppen in Hannover die Börse ihren Betrieb ganz einstellen mußte. Aber wie hannoversche Bankherren schon hundertfünfzig Jahre lang gegen alle Schwierigkeiten eine Börse, wenn auch in den mannigfachsten Formen, am Leben erhalten hatten, bemühte man sich bereits im Juni 1945 in hannoverschen Bankkreisen darum, die Niedersächsische Börse wieder in Gang zu bringen, zumal man sich in der Zeit des von den Siegermächten geförderten Föderalismus vor der Möglichkeit sah, ohne die jahrzehntelange Abhängigkeit von der Berliner Börse neue Wege für einen bedeutenderen Börsenplatz Hannover zu finden. Zum 1. April 1946 entschloß sich die damalige Militärregierung, die Öffnung der Tore für die Niedersächsische Börse wieder frei zu geben. "Frei", das hieß damals noch: mit erheblichen personellen und sachlichen Beschränkungen. Die Eröffnungsgenehmigung enthielt unter anderem die Einschränkung, daß Wertpapiere des Reiches, der Länder und Gemeinden sowie Papiere im Wertpapiersammeldepot nicht gehandelt werden durften, eine Einschränkung, die sich als schweres Hemmnis für einen fruchtbaren Börsenverkehr erweisen sollte. Immerhin, 26 hannoversche Bankfirmen konnten an diesem 1. April 1946 einen Handel im sog. "kontrollierten Freiverkehr" auf Basis der Stoppreise beginnen. Und es erwies sich, daß ein wirklicher Wertpapiermarkt in Hannover vorhanden war, auch wenn er naturgemäß damals noch nicht umfangreich sein konnte und es vor allem noch der Klärung bedurfte, ob die Stücke des Sammeldepots noch existieren und wo sie lägen. Mit Beginn des Jahres 1948 gab die Börse wieder ein regelmäßig erscheinendes Kursblatt heraus, in dem die Kurse des "kontrollierten Freiverkehrs" bekannt gemacht wurden. Nach der Zäsur der Währungsreform und der mit ihr verbundenen kurzfristigen Schließung der Börse erschien das Kursblatt bereits am 21. Juli 1948 mit Kursnotizen für Reichsmark-Nominalbeträgen in DM-Prozenten, wenn natürlich auch ein eigentliches Effektengeschäft nach der Währungsreform zunächst völlig zum Erliegen kam.
Alsbald packte der hannoversche Börsenvorstand, die Erfahrungen hannoverscher Börsentradition mit Möglichkeiten für die Zukunft klug abwägend, die Aufgabe der Klärung, für welche Papiere nunmehr eine amtliche Notierung durchgeführt werden solle, mit Elan an. In dem Augenblick, als die deutsche Wirtschaft mit einem großen Kapitalbedarf vor der Notwendigkeit des Wiederaufbaus einer zerschlagenen deutschen Industrie stand, bemühte sich die Börse mit Erfolg, ihr "Programm" in der kommenden amtlichen Notierung zu erweitern, wozu ihr die Entschließung des Sonderausschusses Bankenaufsicht vom 19./20. August 1949 eine wirksame Hilfe bot: 21 Aktien erfuhren mit ihrer Hilfe zu den bereits früher an der Niedersächsischen Börse zugelassenen Aktien im Wege einer erleichterten Einführung die Aufnahme in den amtlichen Börsenverkehr, der endlich am 1. September 1949 an der Niedersächsischen Börse wieder aufgenommen werden konnte.
Inzwischen war man auch im Kreis der die Börse tragenden Banken rührig gewesen, um der Organisation der Börse wieder ein eigenes Gepräge zu geben. Man wollte wieder zu den Traditionen des alten, 1910 gegründeten, 1935 aufgelösten Vereins "Börse in Hannover e. V." zurückkehren und schied in gutem Einvernehmen aus der Industrie- und Handelskammer und von der Getreidebörse, wenn man mit letzterer auch eine gemeinschaftliche Geschäftsführung beibehielt. 1951 wurde der neue Trägerverein "Niedersächsische Börse zu Hannover e. V." in das Vereinsregister beim Amtsgericht Hannover eingetragen, dem fast sämtliche damals in Hannover bestehenden Bankinstitute beitraten. Es war ein stolzer Tag für den Börsenvorstand, als er am 20. März 1952 den im neuen Gewand sich darbietenden Börsensaal im wiederhergerichteten hundertjährigen Landschaftshaus seiner Bestimmung übergeben konnte.
Auch das Land Niedersachsen suchte alsbald seiner Börse wieder eine der Rechtsordnung angemessene Rechtsgrundlage zu geben und genehmigte durch seine Finanzminister eine neue gemäß § 4 des Börsengesetzes maßgebliche Börsenordnung, die am 6. Januar 1953 in Kraft trat. Inzwischen hatte der stürmische Wiederaufbauwille die Börse aus ihrem in der Kriegszeit bezogenen Notquartier nach siebenjährigem Intermezzo in ihr altes Domizil am Rathenauplatz zurückgeführt.
Bei einem Blick auf die Wirtschaftsstruktur der Niedersächsischen Landeshauptstadt erkennt der Betrachter Hannover häufig erst beim 2. Blick als wichtigen Finanz- und Börsenplatz. Natürlich kann die Niedersächsische Börse zu Hannover sich heute nicht mit den größten deutschen Börsen messen. Entsprechender Ehrgeiz oder ein Konkurrenzdenken besteht bei der Börse Hannover aber auch gar nicht. Ihre Aufgabe und ihr Selbstverständnis liegen vielmehr darin, in Niedersachsen das kundennahe, kostengünstige Zentrum des Wertpapierhandels zu sein, leicht erreichbar für Emittenten, die am Handel beteiligten Institute und das an Wertpapieren interessierte Publikum.