Die Geschichte der Hamburger Börse beginnt im Jahre 1558, als der Kaufmannschaft vom Rat der Stadt erlaubt wurde, einen gepflasterten Platz gegenüber dem Rathaus an der Trostbrücke als täglichen Versammlungsort zu nutzen. Von 1577 bis 1583 entstand hier im Stil der Renaissance das erste Börsengebäude, dessen nach vorne offene Säulenhalle nun den Börsenverkehr aufnahm.
Bereits 1669 musste es um einen rückwärtigen Anbau und ein Haus für die Waage ergänzt werden. Seit 1737 nahm die "Waage" auch die 1665 als Vertretung der Hamburger Kaufmannschaft gebildete Commerzdeputation und deren 1735 gegründete Commerzbibliothek auf. 1767 wurde das Commercium genannte Gebäude durch den Architekten Ernst Georg Sonnin (1713-1794) abermals ausgebaut.
Vergebliche Bemühungen der Commerzdeputation, dem ständig wachsenden Börsenbetrieb durch erneute Erweiterungen der vorhandenen Gebäude an der Trost-brücke zu entsprechen, führten schon Anfang des 19. Jahrhunderts zum Projekt eines Börsenneubaus. Doch erst nach jahrelangen Beratungen über dessen Finanzierung, Standort und architektonische Ausgestaltung konnte 1837 am Adolphsplatz auf dem Areal des abgebrochenen Maria-Magdalenen-Klosters mit dessen Ausführung begonnen werden. Die feierliche Einweihung der "Neuen Börse" fand schließlich am 2. Dezember 1841 statt. Zwei Tage später zog der Börsenbetrieb um.
Die spätklassizistische Architektur der Börse war ein Werk der Hamburger Stadt-baumeister Carl Ludwig Wimmel (1786-1845) und Franz Gustav Forsmann (17951878). Ihr zweigeschossiger Bau bildet den Mittelteil des heutigen Börsenkomplexes. Während die Rück- und Seitenfronten eine schlichte Gestaltung aufwiesen, war die Schauseite durch einen repräsen-tativen Vorbau mit fünf Rundbogenportalen betont. Allegorische Gruppen bekrönten die turmartigen Vorsprünge der Hauptfassade.
Dargestellt waren "Minerva", umgeben von Figuren der Kunst und Wissenschaft, und Hammonia, flankiert von Vertretern der theoretischen und praktischen Schiffsbaukunst. Die 1842 von dem Berliner Bildhauer August Kiss (1802-1865) in Zink aus-geführten Skulpturen wurden 1943 zerstört.
Im Inneren bot der Börsensaal mit den ihn umgebenden Bogengängen Platz für täglich bis zu fünftausend Besucher. Im Erdgeschoss waren den einzelnen Branchen feste Standplätze zugewiesen. Das Obergeschoss enthielt Räume für die "Versammlung Eines Ehrbaren Kaufmanns", die Commerzdeputation und die Commerzbibliothek. Nur wenige Monate nach dem Umzug der Kaufmannschaft an den Adolphsplatz ging die alte Börse an der Trostbrücke zusammen mit dem alten Rathaus beim großen Brand vom 5. bis 8. Mai 1842 in Flammen auf. Das neue Gebäude jedoch konnte durch das beherzte Eingreifen "patriotischer Bürger" gerettet werden.
Die Brandkatastrophe von 1842 hatte die neue Börse durch die Vernichtung der sie einschließenden Häuser freigelegt und damit Raum für spätere Erweiterungen geschaffen. Denn schon bald machte die starke Zunahme des täglichen Börsenbesuchs eine Vergrößerung des Gebäudes notwendig. Zunächst entstanden 1845 an der Ostseite der Börse, von dieser durch einen freien Platz getrennt, die Börsen-Arkaden. Das zwischen beiden Bauteil liegende Plateau wurde 1857/58 mit einem Glasdach überdeckt und durch zwei Frontmauern geschlossen. Der dadurch gewonnene Saal diente nun als Getreide- und Versicherungsbörse. Das Obergeschoss der BörsenArkaden stand von 1851 bis 1869 der Gemäldegalerie des Kunstvereins, später dann der Commerzbibliothek zur Verfügung.
In den Jahren 1882 bis 1884 wurde auch an der Westseite der Börse zum Alten Wall hin ein Gebäudeflügel angefügt. Die Gestaltung der im Stil der italienischen Renaissance ausgeführten Sandsteinfassade beruhte auf einem Entwurf der Hamburger Architekten Hanssen und Meerwein. Die neu entstandenen Büroräume bezog die 1867 in "Handelskammer" umbenannte Commerzdeputation. Der neue Börsensaal nahm die Wertpapierbörse auf. Als Baukomplex bot die Börse zu diesem Zeitpunkt einen uneinheitlichen Eindruck: Mittelteil und Seitentrakte stammten aus verschiedenen Bauperioden und wiesen eine unterschiedliche Fassadengestaltung auf.
Seit ihrer Einweihung befand sich auf der Rückseite der Börse eine ausgedehnte, begrünte Freifläche. Sie war für den Neubau des 1842 zusammen mit der alten Börse beim großen Brand zerstörten Rathauses vorgesehen. Doch erst 1886 konnte der Grundstein für diese seinerzeit wichtigste Bauaufgabe der Hansestadt gelegt werden. Die Börse wurde daraufhin mit dem nun entstehenden Rathaus durch zwei Flügelbauten zu einem geschlossenen Baukomplex verbunden. Seitliche Tordurchfahrten ermöglichten den Zugang zum gemeinsam gebildeten "Ehrenhof". Stilistische und repräsentative Gründe machten nun eine Anpassung der rückwärtigen Börsenfassade an den Rathausneubau erforderlich. An Stelle des bisherigen Zementputzes wurde ihr daher 1892 eine kräftig gegliederte Sandsteinfassade vorgeblendet. Lediglich die Hauptfassade am Adolphsplatz bot jetzt noch das ursprüngliche Aussehen der Architektur von Wimmel und Forsmann. !m Jahre 1893/94 wurde auch diese Front im Stil des Westflügels und der Rückseite mit einer aufwendigen Sandsteinfassade versehell. Statt der schlichten Pilaster des spätklassizistischen Baus betonten nun repräsentative Säulen die fünfachsige Gliederung des Eingangsportals. Und über den Bögen versinnbildlichten jetzt Reliefs die verschiedenen Erwerbszweige der Hamburger Wirtschaft. Bemühungen um eine zeitgemäße Umgestaltung des Ostflügels scheiterten zunächst an einer dort angrenzenden Häuserzeile.
Die letzte Erweiterung der Börse erfolgte schließlich im Zusammenhang mit dem Bau des Hochbahntunnels an der Großen Johannisstraße, der 1907 die Niederlegung des alten Ostflügels und der angrenzenden Häuserzeile notwendig machte. In den Jahren 1909 bis 1912 entstand hier nach dem Entwurf des Hamburger Bauinspektors Albert Erbe großzügiger Ersatz. Die dabei geschaffenen Büroräume waren auch vom Rathaus her zugänglich. Sie wurden zunächst überwiegend von der Bürgerschaft und der Deputation für Handel, Schifffahrt und Gewerbe benutzt, später dann der Handelskammer überlassen. Der neue Börsensaal mit seiner ursprünglich farbigen Deckengestaltung des Hamburger Malers Otto Fischer- Trachau (1878-1958) nahm die Getreide-, Versicherungs- und Schifffahrtsbörse auf.
Die unterschiedliche Höhenentwicklung zwischen dem zweigeschossigen Börsengebäude und dem fünfgeschossigen Ostflügel wurde durch das Einfügen eines Eckturms geschickt vermittelt. Außerdem erfuhr die Börse durch ihn eine wirkungsvolle Betonung ihrer Eigenständigkeit gegenüber dem nahen Rathaus, dessen rustizierte Fassadengestaltung im übrigen aber aufgegriffen wurde. In drei Bauperioden war es damit gelungen, der Börse im äußeren und Inneren ein einheitlich wirkendes Erscheinungsbild zu geben und sie schließlich mit dem Rathaus zum bis heute bestimmenden Baukomplex der Hamburger Innenstadt harmonisch zu verbinden.
Während des zweiten Weltkrieges erlitt das Börsengebäude schwere Schäden. Der Mittelbau und der Westflügel am Alten Wall wurden weitgehend zerstört, nur der östliche Börsensaal blieb damals benutzbar. Die Mittel für die 1949 begonnene Wiederherstellung der historischen Architektur wurden wie ihre spätere Unterhaltung allein von der Hamburger Kaufmannschaft aufgebracht. Seit 1952 steht die Börse unter Denkmalschutz. Durch Renovierungen im Innern wurde das Gebäude allerdings den Erfordernissen eines modernen Börsen- und Bürobetriebs angepasst. Im Jahre 1957 war der Wiederaufbau der Börse weitgehend abgeschlossen. Denkmalpflegerische Bemühungen sorgen seither für einen vorbildlichen Erhaltungszustand dieses architektur- und stadtgeschichtlich bedeutsamen Baudenkmals.
Zum Zeitpunkt ihres 425jährigen Jubiläums haben im Gebäude der Börse vier ver-schiedene Einzelbörsen ihren Sitz, während die Kaffeebörse über ein eigenes Domizil im Freihafen verfügt. Für regen Börsenbetrieb sorgen vor allem die Hanseatische Wertpapierbörse im westlichen sowie die Versicherungs- und Getreidebörse im östlichen Börsensaal. Der Mittelsaal wird vorwiegend für Veranstaltungen und Ausstellungen genutzt. Alle übrigen Räume stehen der Handelskammer zur Wahrnehmung ihrer Selbstverwaltungsaufgaben und Repräsentationsverpflichtungen als Interessenvertretung der Hamburger Wirtschaft zur Verfügung.
Ab 1985 eroberte die Technik den Börsenhandel – die Kreidetafeln hinter den Maklern wurden durch LCD-Tafeln ersetzt, die Computer erhielten Einzug. Und die ersten Mieter zogen sich aus dem Börsensaal zurück: Da nun die Kursfeststellungen auch in den Banken selbst an den Rechnern verfolgt werden konnten, gaben die ersten ihre Kontore auf und der Handel wurde auf „stille Datenleitungen“ verlegt.
Die Umstellung auf elektronische Börsenhandelssysteme machte eine Anwesenheit der Händler und Makler vor Ort nicht mehr zwingend notwendig. Als Konsequenz gab die hanseatische Wertpapierbörse nach fast 165 Jahren ihre Räumlichkeiten in der Handelskammer auf. Sie kaufte das 1899 erbaute Geschäftshaus Rathausmarkthof in der Kleinen Johannisstraße 4 mit direktem Blick auf das Rathaus. An diesem Standort ist es gelungen, alle Geschäftsbereiche der Börse effizient zu vereinen. Modernste Technik im Einsatz und trotzdem immer für Anleger erreichbar zu sein, konnte hier bestens umgesetzt werden: Der Sprung von der Tradition zur Moderne ist geschafft.
(Quelle: Auszüge aus der Broschüre der Handelskammer Hamburg: "Die Börse von außen: Baugeschichte und Bauschmuck")