21. August 2019 13:00 Uhr

Der Klimawandel kennt nicht nur Gewinner

Rolf Häßler - Geschäftsführer
NKI Institut für nachhaltige Kapitalanlagen

Für alle, die dabei waren, ist es manchmal kaum vorstellbar, dass sich der Mauerfall in wenigen Wochen bereits zum 30. Mal jährt. Wir haben die Schaffenskraft und Kreativität einer ganzen Generation benötigt und rund zwei Billionen Euro investiert, um die Verhältnisse in den neuen Bundesländern denen der alten Bundesrepublik zumindest weitgehend anzugleichen. Nicht überall und nicht für alle Menschen konnte dabei das Ziel gleicher Lebensverhältnisse erreicht werden - die Folgen sind eine zunehmende Abkehr von der Demokratie und das Erstarken radikaler politischer Positionen.

Ziemlich genau die gleiche Zeit - eine Generation - bleibt uns, um die im Pariser Weltklimavertrag definierten Klimaziele zu erreichen. Bis 2050 müssen wir dazu Wirtschaft und Gesellschaft weltweit weitgehend dekarbonisieren, was einen weitreichenden Umbau der Unternehmen und eine umfassende Veränderung der Lebensgewohnheiten erfordert. Allein für den Umbau der Energieversorgung müssen dazu in Europa jährlich 180 Milliarden Euro zusätzlich investiert werden.
Der Vergleich mit den Anstrengungen zur Wiedervereinigung macht dabei zweierlei deutlich: Erstens: Die vor uns liegende Aufgabe als gewaltig zu bezeichnen, ist fast noch untertrieben. Es geht nicht „nur“ um die Lebensverhältnisse in zwei europäischen Industriestaaten, sondern um einen globalen Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft in Staaten mit dramatisch unterschiedlichen Ausgangsbedingungen.

Zweitens: Der Transformationsprozess wird massive soziale Auswirkungen haben. Und: Je später wir Ernst mit dem Klimaschutz machen, desto radikaler werden die Maßnahmen ausfallen müssen - und desto größer können die sozialen Verwerfungen ausfallen. Schon heute ist klar, dass viele Technologien und damit Industrien in einer klimaverträglichen Zukunft keine solche mehr haben. In einigen Branchen steht das aktuelle Geschäftsmodell insgesamt in Frage, etwa bei den Betreibern fossiler Kraftwerke oder den mit Kohleabbau, Erdöl­ und Erdgasförderung befassten Sektoren. In anderen Branchen werden die heute genutzten Anlagen und Technologien, beispielsweise der fossile Verbrennungsmotor, nicht mehr verwendet werden können. Vor diesem Hintergrund wird eine <2­Grad­Wirtschaft in den kommenden Jahren und Jahrzehnten sehr grundlegende Veränderungen erfahren. Damit einher geht im schlechtesten Fall ein massiver Arbeitsplatzverlust in diesen Industrien mit all seinen sozialen Auswirkungen.

Wer Unternehmen und ihre Beschäftigten in Sicherheit wiegt und angesichts der absehbaren Umbrüche besseren Wissens blühende Landschaften verspricht, platziert sozialen Sprengstoff an den Wurzeln unseres Gemeinwesens. Die Wahrheit ist: Der Klimaschutz wird nicht nur Gewinner sehen. Diese soziale und gesellschaftliche Dimension des Klimawandels muss daher deutlich stärker in den Blick genommen werden.

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