11. Oktober 2017 13:00 Uhr

Von tragbaren und untragbaren Risiken

Prof. Dr. Stefan May - Leiter Anlagemanagement
Quirin Privatbank AG


Für die meisten Privatanleger dürfte die Bereitschaft, an den Aktienmärkten zu investieren, besonders davon abhängen, ob mögliche Kurseinbrüche an den Aktienmärkten zu unwiederbringlichen Vermögensverlusten führen. Oder ob man mittel- bis langfristig wieder mit einer Erholung rechnen kann. Damit ist aber die ganz grundsätzliche Frage nach der Funktionsweise von Aktienmärkten und den damit verbundenen Risiken angesprochen.

Diversifizierbare und nicht diversifizierbare Risiken

Das allgemeine Aktienmarktrisiko ist letztlich nichts anderes als eine Bündelung unterschiedlichster Risikoquellen, von denen jede einzelne zu einem Kursverlust führen kann. Aber: Unter der Vielzahl der möglichen Ursachen für einen Kursverlust (Risikofaktoren) gibt es solche, deren Einfluss auf ein Wertpapierdepot durch sachgemäße Risikostreuung (Diversifizierung) beseitigt werden kann. Dies ist jedoch nicht für alle Risikoarten möglich.  

Ein Beispiel für ein eliminierbares Risiko – im Fachjargon auch unsystematisches Risiko genannt – ist die verfehlte Produktstrategie eines Unternehmens, die zu einem massiven Umsatzeinbruch und entsprechenden Aktienkursverlusten führt.

Ein Beispiel für ein nicht durch Diversifizierung eliminierbares Risiko – im Fachjargon auch systematisches Risiko genannt – ist ein deutlicher Rückgang des gesamten Welthandels, wie er im Gefolge der Finanzmarktkrise 2007/2008 zu beobachten war. Dies wiederum hat die Gewinnperspektiven sowie die Aktienkurse fast aller Unternehmen negativ beeinflusst. Auch ein sehr breit gestreutes Aktienportfolio ist von einer derartigen Entwicklung betroffen. Deshalb lässt sich ein solches Risiko nicht wegdiversifizieren.

Es gibt also diversifizierbare (unsystematische) und nicht diversifizierbare (systematische) Aktienmarktrisiken. Die praktische Relevanz dieser Unterscheidung liegt im jeweils unterschiedlichen Charakter der beiden Risikoarten - Unterschiede, die sich vor allem dann zeigen, wenn die Kurse fallen und die Risiken „schlagend“ werden.

Unsystematische Risiken: Heftigere und häufigere Kursverluste

Einzeltitel sind neben globalen und länderspezifischen Risiken zusätzlich noch besonderen Risikofaktoren ausgesetzt. Diese betreffen zwar nur das jeweilige Unternehmen, können aber den Kursverlauf der entsprechenden Aktie erheblich beeinträchtigen. Ein dramatisches Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit stellt der Abgasskandal innerhalb des VW-Konzerns dar, der 2015 zu einem Kurseinbruch von deutlich über 50 % geführt hat. Ereignisse dieser Art sind auch von den besten Analysten unmöglich vorherzusehen.

Entscheidend aber ist: Die Auswirkungen solcher Ereignisse auf den Kursverlauf nivellieren sich im Kontext eines Portfolios, was die Risiken insgesamt verringert und bereits bei nationalen Aktienmärkten und -indizes, wie dem DAX, eine deutlich geringere Volatilität bewirkt.

Ein weiteres und wohl dramatischeres Beispiel für den Charakter unsystematischer Risiken auf nationaler Ebene ist der Aktienmarkt Japans. Im Jahre 1989 stand der japanische Index Nikkei 225 bei rund 40.000 Indexpunkten. Im Zuge eines Zusammenbruchs sämtlicher japanischen Finanzmärkte ist der Index in den folgenden zehn Jahren auf unter 10.000 Indexpunkte gefallen, wovon er sich - bei einem aktuellen Stand von rund 20.000 Punkten - bis heute nicht wieder erholt hat. Der Weltmarkt insgesamt ist zwar im selben Zeitraum ebenfalls um knapp 50 % eingebrochen, hat sich dann jedoch relativ schnell wieder gefangen. Bereits sechs Jahre später hatte er sein ursprüngliches Niveau wieder erreicht.  
Die Begründung beider Sachverhalte folgt derselben ökonomischen Logik wie die Begründung der Schwankungsunterschiede zwischen Einzeltitel und nationalen Indizes: Neben den globalen Risiken sind nationale Aktienmärkte zusätzlich noch länderspezifischen Risiken ausgesetzt.

Zudem gilt: Wenn unsystematische Risiken zuschlagen, dann geschieht dies in aller Regel häufiger und mit größerer Vehemenz, als dies bei systematischen Risiken der Fall ist. Ein globaler Aktienindex wird niemals so stark fallen wie beispielsweise der japanische Markt, der um über 75 % eingebrochen ist, oder gar die Deutsche-Bank-Aktie, die in den letzten 10 Jahren in der Spitze von über 90 Euro auf im Tief unter 10 Euro gefallen war.

Systematische Risiken: Logik der Marktwirtschaft „erzwingt“ Erholung  

Hinzu kommt ein weiterer, entscheidender Unterschied: Nachdem systematische Risiken zugeschlagen haben, kann man in einem marktwirtschaftlichen System freier Märkte darauf vertrauen, dass sich die Kurse auf breiter Front wieder erholen werden.  Und zwar aus einem einfachen Grund: Aktienanlagen sind immer Investitionen dahin, wo der Wohlstand der Nationen seinen Ursprung hat, wo Menschen kreativ und kooperativ zusammenarbeiten, ihren Lebensunterhalt verdienen und dabei zugleich die Wohlfahrt der Gesellschaft mehren. Und dies sind einzig und allein: Die Unternehmen dieser Welt. Und genau deshalb müssen unternehmerische Risiken über kurz oder lang entlohnt werden. Nicht im Einzelfall, aber insgesamt und auf internationaler Ebene. Wäre dies nicht der Fall, wäre auch die Marktwirtschaft weltweit am Ende.

Bei unsystematischen Risiken ist dies anders: Es gibt kein ökonomisches Gesetz, welches fordert, dass sich Kursverluste bei einzelnen Wertpapieren oder Marktsegmenten wieder ausgleichen müssen. Man nehme den bereits erwähnten Kursverlust der Deutschen Bank AG:  Kein einziges Gesetz der Marktwirtschaft wäre verletzt, sollte sich dieser Kurs nicht wieder erholen. Im Gegenteil: Gemäß dem Schumpeter´schen Prinzip der „schöpferischen Zerstörung“ ist es geradezu ein Wesensmerkmal einer Marktwirtschaft, dass Altes vergeht und durch Neues, Effizienteres und Besseres verdrängt wird.

Für die globale Volkswirtschaft und damit auch für die internationalen Finanzmärkte insgesamt ist diese „schöpferische Zerstörung“ aber ausgeschlossen – es sein denn, man stellt das markwirtschaftliche System an sich in Frage.

Die Unterschiede zwischen systematischen und unsystematischen Risiken sind in der folgenden Tabelle zusammengefasst.

Wesentliche Eigenheiten systematischer und unsystematischer Risiken

Quelle: eigene Darstellung, Quirin Privatbank AG

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Wenn die Depots der Anleger nur noch systematische Risiken aufweisen, dann kann man auch nach heftigen Verlusten – die sich unweigerlich irgendwann einstellen werden - über kurz oder lang mit einer Erholung rechnen. Um die damit verbundenen Chancen nutzen zu können, müssen Anleger allerdings über einen hinreichend langen Anlagehorizont verfügen. Vor allem aber dürfen sie niemals zu kurzfristigen Verkäufen gezwungen sein.

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